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Wir wollen nicht aufgeben

„Wir wollen nicht aufgeben" 

Die Haller Elterngruppe für Früh- und Risikogeborene sucht händeringend nach neuen Vorständen. Sonst stünde der Verein vor dem Aus, heißt es. 

Ein Artikel von Maya Peters, erschienen im Haller Tagblatt am 1. April 2019

Erfahrungsaustausch, starke Schultern zum Ausweinen und Zeit zum Zuhören. Dies alles hat der Verein für Früh- und Risikogeborene seit 1996 betroffenen Eltern angeboten. „Das Wissen, nicht allein zu sein, verändert einen", berichtet Marianne Karle, zweiter Vorstand, auch aus eigener Erfahrung. Selbstzweifel, Schuldgefühle und viele Ängste bewegen die Gemüter. Um einander Halt zu geben, bildete sich vor 23 Jahren die Initiative.


Marianne Karle war bis vor Kurzem für die monatlichen Treffen im „Inselcafé" im Diak verantwortlich. „Doch ich kann das nicht mehr leisten. Wir brauchen wieder mehr Verantwortliche im Verein." Schweren Herzens haben Karle und der erste Vorstand, Aniela Hänel, aus beruflichen und persönlichen Gründen ihren Rücktritt angekündigt.


Die alte Crew bietet Hilfe an
Die Jahreshauptversammlung des Vereins für Früh- und Risikogeborene ist morgen, Neuwahlen stehen an. Danach sehe man, ob es weitergeht, seufzt Marianne Karle. „Es wäre genial, neue Leute zu finden, die mit dem Verein neue Wege gehen", betont die 53-Jährige. Sie sei mittlerweile „zu weit weg", kenne sich mit Pampers oder Babynahrung nicht mehr aus. Ihr Sohn, 1994 zu früh geboren, studiert mittlerweile. Sie ist seit der Gründung vor 23 Jahren als stellvertretender Vorstand – ebenso wie Kassiererin Brigitte Abel-Müller – kontinuierlich aktiv gewesen. Auch die ehemalige Kinderkrankenschwester Marie-Luise Ulm habe den Verein von Anfang an unterstützt. Ziel ist, die Elterngruppe zu erhalten und damit Kindern mit ihren Familien in ihrer jeweiligen Ausnahmesituation zu helfen. Die alte Crew werde dem neuen Vorstand Unterstützung anbieten, betont Karle.


Alles auf dem neuesten Stand
Zum 20-Jahr-Bestehen gab es noch einen großen Festakt in der Hospitalkirche, es wurde ein Logo entworfen und die Homepage aufgerüstet. „Unser Highlight, das Sommerfest, war damals so gut besucht wie nie", erinnert sie sich gerne an die rund 300 Gäste. Die Mitgliederzahlen sei mit etwa 80 Personen seit Jahren stabil. Alle Flyer und Unterlagen seien auf dem neuesten Stand. „Bitte, junge Eltern, traut euch, es lohnt sich", appelliert Karle.
„Es war für mich ein wichtiges Ehrenamt mit persönlichem Bezug", erzählt sie. Die 1996 gegründete Gruppe aus Eltern, Ärzten und Krankenschwestern hat Vorträge, Infostände und Treffen organisiert. Man war auf Symposien und hat mit Basaren Spendengeld erwirtschaftet. Vorrang habe für den gemeinnützigen Verein immer die individuelle Unterstützung gehabt. „Trotzdem kamen bisher 68 228,87 Euro zusammen, die überwiegend ans Diak gingen", berichtet Karle. Davon wurden unter anderem Liegestühle für Eltern-Kind-Zeiten, Milchpumpen und Wärmestrahler gekauft. Auch eine Lärmampel, ein Diaphonoskop sowie eine Kühlmatratze wurden angeschafft.


2016 hat der Verein die Frühchenpuppe Lina fertigen lassen. „Mit ihr können Eltern oder auch Auszubildende in der Pflege üben." Karle blättert in den Fotoalben, die erschreckend kleine Frühchen auf
der Intensivstation zeigen. „Da weiß man oft nicht, wie man sie anfassen kann." Lina passt auf ein DinA4-Blatt und wiegt 750 Gramm. Größe und das Gewicht sind einem zwölf Wochen zu früh geborenen Kind nachempfunden. „Jedes zehnte Kind ist ein Frühchen, das heißt, es ist geboren zwischen der 24. und 37. Schwangerschaftswoche."


Nicht nur der Kreis engagierter Vereinsmitglieder sei kleiner geworden, auch das Interesse an den Gesprächsabenden ging zurück. Die medizinische Versorgung habe sich verbessert. „Alles ist schonender und individueller, sodass die Kinder weniger bleibende Schäden behalten", freut sich Karle. Dennoch gebe es „schwere Fälle", die viel Hilfe beim Verein für Früh- und Risikogeborene finden. Auch das Internet raube potenzielle Mitglieder, vermutet Karle. „Doch das kann nie ein persönliches Gespräch ersetzen. Zudem sind wir regional vernetzt."


Häufig werde das Engagement für den Verein mit dem Ende der Elternzeit zurückgefahren. „Damit stehen wir nicht allein da." Seitdem die Kinderklinik am Diak Level-1-Versorgung anbiete, sei zudem das Einzugsgebiet gewachsen. „Vielleicht sind wir mittlerweile ein zu alter Stamm zu alter Hasen?", überlegt Karle selbstkritisch, bleibt aber optimistisch. „Wir haben gemeinsam so viel erreicht." Frühchen über Jahre zu begleiten, habe einen positiven Effekt. Das macht Familien Mut: „Oft verlaufen die Entwicklungen besser als die Prognosen."

 


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